Article on the Museum in German

 
 

„Miseratione non Mercede"

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OP-Termin auf dem Dachboden

Es war später Vormittag an einem grauen Januartag mit dem für London typischen Niesel-regen, als ich in die St-Thomas' Street einbog. Beinahe hätte ich den Eingang zum gesuchten Ort übersehen. Diese Gegend in der Nähe der London Bridge sah nicht gerade nach einem Klinikviertel aus. Offensichtlich befand sich der Eingang in einem alten Kirchturm. Der Wegweiser zeigte nach oben, auf eine abenteuerliche und äußerst enge Wendeltreppen-kon-struktion von mindestens zehn Meter Höhe. Ein Hintereingang, dachte ich.

Blutige Vorstellung im Operationstheater

Oben angekommen führten wenige Schritte zum Operationsraum. Ich ging durch die Tür und nach drei Treppenstufen stand ich urplötzlich in der Mitte des obersten Ranges eines halbrun-den Operationstheaters. Das hatte ich nicht erwartet: Der Raum war nicht in kli-nischem Weiß gehalten, sondern erschien durch natürliches Tageslicht, das durch ein Glas-dach im Giebel einfiel, in zarte Grün- und Beigetöne getaucht. Auf den oberen Rängen herrschte drangvolle Enge und beständiges unruhiges Geschiebe der Zuschauer, die dicht gepackt wie die Heringe im Fass einen Blick auf das Geschehen des Operationsbereiches zu erhaschen suchten. Es roch übel. „Kopf runter!" hörte man immer wieder rufen. Die meisten Zuschauer sahen wie Medizinstudenten aus. Allerdings schienen sich auch Neugierige von der Straße unter dem Publikum zu befinden, die mit bleichem Gesicht zuschauten. Jedenfalls war bei dem Gedränge kaum auszumachen, was unten vor sich ging.
Die vorderen Ränge waren offensichtlich für Mitarbeiter des Krankenhauses reserviert und auf zwei Polsterstühlen in der Nähe des Operationtisches begutachteten ernst aussehende Männer in altmodischen Gehröcken, interessierte Professoren, die Arbeit des Chirurgen John Flint South. Der stieß gerade mit dem Fuß einen hölzernen Kasten mit Sägemehl an eine Stelle, wo Blut vom Operationstisch tropfte, auf dem eine Frau mittleren Alters lag. Sie wirkte benommen aber nicht bewusstlos, stöhnte leise und schrie auf, als Helfer begannen, den Amputationsstumpf unterhalb des Knies des rechten Beines zu versorgen.
Ich war also gerade rechtzeitig zum Ende der Operationen dieses Vormittags gekommen. Der Chirurg ging über den mit blutig verklumpten Sägemehl bedeckten Boden zur Rückwand des Raumes, hängte seinen Kittel an einen Haken und zog die Ärmelschoner aus. Dann wusch er sich mit Hilfe eines unbenutzt wirkenden viktorianischen Waschgeschirrs die Hände. Sah so einer der modernsten Operationsräume Großbritanniens aus? An der Stirnseite des Theaters war ein Sinnspruch angebracht: „Miseratione non Mercede" (Erbarmen statt Gewinn-streben). Ach ja! Fast hätte ich es vergessen, der OP-Termin hatte am 24. Januar 1860 stattgefunden.

Kirche, Kräuterapotheke und Krankenhaus

Das Old Operating Theatre, Museum and Herb Garret, verdankt seine heutige Existenz als wahrscheinlich einziges am Originalort im Zustand des 19. Jahrhunderts erhaltenes Operationstheater einer Reihe seltener und glücklicher Umstände. Die St. Thomas's Church war im 17. Jahrhundert in den Gebäudekomplex des bereits im 13. Jahrhundert erwähnten St. Thomas's Hospital integriert. Aus Platzmangel entschloss man sich während der 1820er Jahre den ungenutzten Dachboden der Kirche für das Krankenhaus St. Thomas zu nutzen. Dies schien ein idealer Ort für einen chirurgischen Operationsraum zu sein, da durch ein Oberlicht im Dachstuhl gute natürliche Beleuchtungsverhältnisse geschaffen werden konnten. Kerzenlicht und später Gasbeleuchtung waren dafür nur ein schwacher Ersatz.
Bereits 1821 verwendeten die Krankenhausapotheker den Dachstuhl zur Lagerung von Heilkräutern und zur Herstellung medizinischer Drogen. Und kurze Zeit später wurde im selben Raum ein ausschließlich für weibliche Patienten bestimmtes Operationstheater eingerichtet. Der für Männer vorgesehene Operationsraum befand sich im eigentlichen Krankenhausgebäude. Von 1822 bis 1862 wurden hier Patientinnen chirurgisch versorgt, die es sich nicht leisten konnten, zu Hause operiert zu werden. Hygiene und Antisepsis waren natürlich unbekannt. Die „Betäubung" der Patienten beschränkte sich auf alkoholische Getränke oder Opium-„Poppies" („Laudanum"). Gelegentlich wurden Patientinnen mit verbundenen Augen operiert, damit sie beim Anblick des Publikums nicht in Erregung gerieten.
1862 wurde im Zusammenhang mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes das St. Thomas's Hospital aufgelöst und nach Lambeth verlegt. Florence Nightingale nutzte diesen Umzug, um im neuen Krankenhaus die Einrichtung einer Schule für professionelle Krankenpflege durchzusetzen. Der Dachboden der Kirche wurde versiegelt und zugemauert, war nicht mehr zugänglich und geriet in Vergessenheit.

Schauplatz der Medizingeschichte

Im Jahr 1956 stieß man im Rahmen der Erforschung der Geschichte des St. Thomas°s Hospital auf den verwunschenen Dachboden im Dornröschenschlaf, öffnete ihn und fand noch einen Großteil des Originalmobiliars vor. Glückliche Zufälle ermöglichten die weitgehend originalgetreue Wiederherstellung des Operationstheaters in den Zustand seiner Benutzung während des 19. Jahrhunderts. Dieses einzigartige Museum auf dem Dachboden einer barocken Kirche beherbergt heute die restaurierte Kräuterapotheke (Herb Garret) und das Operationstheater sowie Sammlungen medizinhistorischer Objekte zur Gynäkologie und Geburtshilfe, chirurgische Instrumente, Aderlass- und Schröpfinstrumente, medizinische Lehrmittel, pathologische Präparate, getrocknete Heilkräuter und Apothekerbedarf sowie Informationen zur Geschichte der Krankenpflege, Anästhesie, antiseptischen Chirurgie und des St. Thomas's Hospital. Wer historisch interessiert ist, sollte diese Zeitreise in die jüngere Vergangenheit der Medizin keinesfalls verpassen.

Dr. med. Eberhard J. Wormer
Leonrodstr. 32, 80636 München
Eberhard.Wormer@lrz.badw-muenchen.de

The Old Operating Theatre, Museum and Herb Garret

9a St. Thomas' Street
Southwark, London SEI 9RY
Tel 020-7955-4791, Fax 020-7955-479
Info-Tel 0208-806-43251
Öffnungszeiten: 10.30 Uhr bis 17 Uhr täglich
Gruppenführungen möglich
U-Bahn-Station (Underground): London Bridge
www.thegarret.org.uk: Wer nicht selbst diesen einzigartigen Ort in London besuchen kann, dem sei der spektakuläre virtuelle Rundgang im Panoramablick wärmstens empfohlen. Man gelangt durch den Eingang in der St. Thomas' Street in das Operationstheater, das in seiner ganzen Dimension betrachtet werden kann, und wird nach einem Blick auf die zahlreichen Vitrinen mit historischen Objekten in die Kräuterkammer der Apotheker des St. Thomas's Hospital geführt.



Hölzerner Operationstisch, Kasten mit Sägemehl (links unten), Instrumentenkasten, Zuschauerränge © Eberhard J. Wormer


Chirurgische Intrumente der vorantiseptischen Ära (um 1860), Amputationsmesser mit Ebenholzgriffen, Skalpell, hölzernes Stethoskop, Ebenholzknebel zum Abbinden von Gliedmaßen © Eberhard J. Wormer